Das Problem

Systems Engineering (SE) hat den Ruf, schwergewichtig und bürokratisch zu sein. Viele Teams scheuen den Einstieg, weil sie befürchten, sich in Prozessen und Dokumentation zu verlieren.

“Nicht jedes Projekt braucht das ‘große Besteck‘“

Die Lösung: Lean SE

Lean Systems Engineering kombiniert die Strukturiertheit von SE mit der Agilität von LEAN-Methoden.

Grundprinzipien

  1. Wertorientierung: Fokus auf das, was wirklich Mehrwert schafft
  2. Minimal Viable Process: So viel Prozess wie nötig, so wenig wie möglich
  3. Iterative Verfeinerung: Start simple, grow as needed
  4. Praktikabilität vor Perfektion: Lieber 80% umgesetzt als 100% dokumentiert

Praktische Ansätze

1. Requirements Light

Statt vollständiger Requirements-Spezifikationen:

  • User Stories mit Akzeptanzkriterien
  • Lightweight Use Cases
  • Visuelle Modelle statt textueller Spezifikationen
Als [Rolle]
möchte ich [Funktion]
um [Nutzen] zu erreichen

Akzeptanzkriterien:
- [ ] Kriterium 1
- [ ] Kriterium 2

2. Architecture Modeling

Nicht jedes Projekt braucht vollständige SysML-Modelle:

  • Context Diagrams: Systemgrenzen klar definieren
  • Interface Matrix: Schnittstellen übersichtlich darstellen
  • Component Diagrams: Nur die wichtigsten Bausteine

3. Verification & Validation

Pragmatischer V&V-Ansatz:

  • Risk-based Testing: Fokus auf kritische Bereiche
  • Exploratory Testing: Für unkritische Features
  • Continuous Integration: Automatisierte Tests wo sinnvoll

Wann Lean SE einsetzen?

Geeignet für:

  • ✅ Kleine bis mittlere Projekte (< 20 Personen)
  • ✅ Interne Entwicklungen ohne strenge Zertifizierung
  • ✅ Prototypen und MVPs
  • ✅ Agile Produktentwicklung

Weniger geeignet für:

  • ❌ Safety-critical Systems (Automotive, Medizin, Luftfahrt)
  • ❌ Projekte mit strikten regulatorischen Anforderungen
  • ❌ Sehr große, verteilte Entwicklungsteams

Success Factors

1. Team Buy-in

Das Team muss den Ansatz mittragen und verstehen, warum bestimmte Praktiken wichtig sind.

2. Anpassungsfähigkeit

Der Prozess muss wachsen können:

MVP → Basic SE → Standard SE → Full SE

3. Tooling

Einfache, zugängliche Tools bevorzugen:

  • Confluence / Notion für Dokumentation
  • Miro / Mural für visuelle Modelle
  • Jira / GitHub Issues für Tracking

Beispiel: Automotive Startup

Ein Automotive Startup mit 12 Entwicklern:

Challenge: A-Spice Assessment steht bevor, aber kein Budget für heavyweight Prozesse.

Lösung:

  1. Minimal Requirements Management: Jira mit Custom Fields
  2. Lightweight Architecture: Draw.io Diagramme in Confluence
  3. Test Management: Automatisierte Tests + manuelle Checklisten
  4. Traceability: Einfache Link-Matrix in Excel

Ergebnis: A-Spice Level 2 erreicht mit < 20% Overhead

Fazit

Lean SE ist kein “SE light” - es ist pragmatisches SE. Die Kunst liegt darin, die richtige Balance zu finden zwischen:

  • Struktur und Flexibilität
  • Dokumentation und Agilität
  • Vollständigkeit und Geschwindigkeit

Starten Sie klein, lernen Sie schnell, skalieren Sie bei Bedarf.


Haben Sie Erfahrungen mit Lean SE? Lassen Sie uns darüber sprechen!